Geschäftsbericht 2020/2021

Vorwort

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

die Corona-Pandemie hält Politik, Gesellschaft und ganz besonders das Gesundheits wesen seit nunmehr über einem Jahr in Atem. Mit unseren Apotheken sind wir von Anfang an auch aufgrund unserer fachlichen Qualifikation und der durchgehenden Erreichbarkeit  einer der wichtigsten Ratgeber der Menschen vor Ort. Im Pandemieverlauf haben öffentliche Apotheken kontinuierlich entscheidende Beiträge zur wirksamen Pandemiebewältigung geleistet. Dazu zählen nach der Anfang 2020 dringend notwendigen Herstellung von Desinfektions-mitteln, dann zum Ende des Jahres die schnelle Versorgung sehr großer Teile der Bevölkerung mit FFP2-Masken. Zu Beginn dieses Jahres starteten in 53 Impfzentren in NRW tausende von Apotheker/innen und PTA ihre verantwortungsvolle Tätigkeit bei der Rekonstitution der Co-rona-Impfstoffe. Wenige Wochen später führten dann rund ein Viertel unserer Mitgliedsapo-theken flächendeckend millionenfach kostenlose Bürgertests durch und in der Woche nach Ostern begann die Impfstoff-Belieferung der niedergelassenen Ärzte durch öffentliche Apotheken. Dabei trägt besonders das Engagement in der Impfstoffversorgung elementar zu einer immer weiter an Fahrt gewinnenden Impfkampagne mit sukzessive steigenden Durch-impfungsraten bei.  Auch wenn uns noch ein beschwerlicher Weg bevorsteht, bis alle Bürger/innen vollständig gegen Corona geimpft worden sind, ist davon auszugehen, dass spätestens im Sommer genug Impfstoffe da sein werden, um allen Bürger/innen in unserem Land ein Impfangebot machen zu können.

Dabei muss dann aber auch sichergestellt sein, dass Impfdosen nicht ungenutzt liegen bleiben, sondern alles umgehend verimpft wird. Wenn trotz Impfzentren, den Hausärzten auch nach der Einbeziehung von Betriebsärzten und privat tätigen Ärzten nicht genügend Impfkapazitäten da wären, würden sich selbstverständlich auch die Apotheker einem Wunsch der Politik, nach einen Impfangebot durch Apotheken, nicht verschließen können.

Gute Erfahrungen mit impfenden Apotheker/innen wurden ja schon mit dem Influenza-Impfangebot in Apotheken im Rahmen des Modellprojektes in Nordrhein und darüber hinaus gemacht. Wichtig ist aber auch, dass die Politik – wenn sie denn den Einstieg der Apotheker/innen bei Corona-Impfungen wünscht, – frühzeitig als Gesetzgeber die Weichen dafür stellt. Ein Corona-Impfangebot der Apotheken würde sich dann auch durch eine gute barrierefreie Erreichbarkeit auszeichnen. Die längeren Öffnungszeiten der Apotheken können auch dazu beitragen, der Impfkampagne noch einen zusätzlichen Schub zu geben. Hinzu kommt: Viele Menschen unter 60 Jahren haben gar keinen Hausarzt. Beim Modellprojekt zur Grippeimpfung in den Apotheken stellte sich aber auch heraus, dass nicht nur diese Bürger/innen das Impfangebot der öffentlichen Apotheken schätzen, wie ein aktuelles Zwischenfazit belegt.

Modellprojekt Grippeschutzimpfung: Äußerst positives Zwischenfazit

Bisher sind 250 Apothekerinnen und Apotheker aus insgesamt 125 Apotheken für das Grippe impfen geschult. In der letzten Impfsaison konnten über 400 Impfungen durchgeführt werden. Im Zuge der wissenschaftlichen Evaluation des Projektes durch das Forschungsun-ternehmen May & Bauer wurde das nachgewiesen, was sich in anderen Ländern, in denen Apotheker schon seit Längerem impfen, auch gezeigt hat: Das zusätzliche Angebot in der Apotheke veranlasst auch Menschen zur Grippeschutzimpfung, die sich sonst gar nicht impfen lassen würden. Das entspricht dem zentralen Ziel des Gesetzgebers, die Durchimpfungsraten  insgesamt signifikant zu steigern.  

Das Echo der Geimpften war ebenfalls durchweg positiv und viele wollen sich in der nächsten Saison wieder in der Apotheke impfen lassen. Wir machen den Menschen damit ein gut erreichbares Zusatzangebot zu dem sehr umfassenden Angebot der Hausärzte. Aber nicht nur das. Es wurde auch wissenschaftlich evaluiert und nachgewiesen: Die Impfung in der Apotheke ist sicher; es sind keine Komplikationen aufgetreten, Kontraindikationen konnten vorab erkannt werden.  

Somit lässt sich das äußerst positive Zwischenfazit ziehen, dass das Modellprojekt zur Grippeschutzimpfung bisher sehr erfolgreich verlaufen ist. Und das obwohl die Impfstoffe in der letzten Impfsaison ungewöhnlich knapp waren. Auch unsere Kolleginnen und Kollegen, die erste Impferfahrungen sammeln konnten, waren sehr zufrieden und wollen nächste Saison weitermachen. Ein wichtiges Ziel besteht nun auch darin, weitere Apotheken für die Teilnahme zu gewinnen. Wir gehen davon aus, dass so noch viele weitere Menschen mit der Grippe impfung erreicht werden können.

Zur langfristigen Sicherung der bürgernahen Arzneimittelversorgung:
Neue Bundesregierung muss Apotheken vor Ort weiter stärken

Ein auch aus Apothekersicht besonderer Meilenstein des am 15.12.2020 in Kraft getretene „Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz“ (VOASG) sind neue pharmazeutische Dienstleistungen. Diese müssen aber nach der näheren Definition in den Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband auch angemessen honoriert werden. Da pharmazeutische Dienstleistungen insbesondere im Rahmen von Versorgungsdefiziten im Zuge zunehmender Risiken von Polymedikation und mangelnder Therapietreue dringend angegangen werden müssen, haben wir diesen Themenkomplex aktuell auch schwerpunktmäßig beleuchtet (siehe dazu „Ausblick“, S.26). Genauso wie die fest geplante Einführung von pharmazeutischen Dienstleistungen ist es auch als Versorgungsfortschritt zu werten, dass der Botendienst als honorierte Dienstleistung erstmalig in einem Gesetz verankert wurde. Dabei handelt es sich – wie die Grippeschutzimp-fungen in Apotheken im Modellprojekt – um eine Dienstleistung, die eigenständig durch die Apotheke ohne eine vorherige Verordnung veranlasst werden kann.

Das alles untermauert die enorme (Dienstleistungs-)Leistungsfähigkeit und Bedeutung der Apotheken vor Ort. Eine neue Bundesregierung nach der Bundestagswahl im Herbst sollte gerade vor diesem Hintergrund noch nachhaltiger daran anknüpfen, wo die bisherige Bundesre-gierung aufgehört hat: Der Vor-Ort-Apotheken-Stärkung! Das gleichnamige Gesetz (VOASG) hat nun endlich dafür gesorgt, dass die seit dem EuGH-Urteil vom 19.10.2016 andauernde ordnungspolitische Tatenlosigkeit beendet wurde. Infolgedessen gilt zumindest für den GKV-Bereich, und damit 90 Prozent des Marktes, ein sozialrechtlich verankertes Rx-Boni-Verbot für EU-Versandhändler. Damit wurde die langjährig auch von unserem Verband konsequent und kontinuierlich eingeforderte Gleichpreisigkeit bei Rx-Arzneimitteln gesetzlich geregelt.

Unabhängig davon wird sich der Apothekerverband Nordrhein e.V. weiterhin konsequent dafür einsetzen, dass die Arzneimittelversorgung durch wohnortnahe Apotheken nur dann auf hohem und qualitätsgesichertem Niveau sichergestellt werden kann, wenn der mit ho-hem Personal- und Kostenaufwand verbundene Apothekendienstleistungsbetrieb wirtschaftlich angemessen gegenfinanziert bzw. honoriert wird. Dazu muss auch die Arbeit in einer öffentlichen Apotheke attraktiver werden als bisher, insbesondere in Form von größeren Ent-scheidungsspielräumen, für mehr Effizienz bei deutlich weniger Bürokratie.
Nur indem die Apotheken vor Ort gestärkt werden, lässt sich die weitere Ausdünnung des Apothekennetzes effektiv aufhalten und diese Versorgungsstruktur stabilisieren.

Dabei haben sich die Bindung des Arzneimittels an den Vertriebsweg der eigenverantwortlich,  frei- und heilberuflich von Apotheker/innen geführten Apotheke bewährt, flankiert durch einheitliche Abgabepreise und eine Fokussierung auf den Leistungs- und Qualitäts- anstelle eines Preiswettbewerbs.
Wir erwarten hier von der neuen Bundesregierung ein klares Bekenntnis in Abgrenzung zu Kapitalgesellschaften, die sich lediglich auf lukrative Versorgungssegmente und auf Umsatz-konzentration fokussieren – das betrifft auch rein kommerzielle Vertriebskonzepte, die Arzneimittel ungeachtet ihrer Risiken zu oft zu einer herkömmlichen Konsumware degradieren. Die individuelle Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung der Menschen durch Vor-Ort-Apotheken ist viel zu wichtig, um sie rein gewinnorientierten Versendern aus dem Ausland zu überlassen. Insgesamt ist die neue Bundesregierung im Sinne eines übergeordneten politischen Leitge-danken gefordert, den Nutzen der Apotheke für alle Bürger/innen weiter zu erhöhen. Dazu muss die Apotheke vor Ort als niedrigschwellige und wohnortnahe Versorgungsinstanz in unserem Gesundheitssystem gestärkt und ihre Leistungen ausgebaut werden.

Den Verband als modernen Dienstleister zum Nutzen der Mitglieder zukunftsorientiert weiterentwickeln

Der trotz weiter abnehmender Apothekenbetriebe gefestigte hohe Organisationsgrad des Verbandes von über 98 Prozent bildet ein besonders solides Fundament, um den Verband als kompetenten Dienstleister für selbständige Apotheker/innen in Nordrhein mit modernen Strukturen auf hohem Dienstleistungsniveau zum Nutzen der Mitglieder zukunftsorientiert  weiterzuentwickeln.

Der sehr hohe Mitgliederbestand bedeutet für den Apothekerverband Nordrhein e.V. nach wie vor Bestätigung und Auftrag zugleich, das von den Mitgliedern in die Arbeit ihres Verbandes gesetzte Vertrauen auch in Zukunft zu rechtfertigen und weiter zu festigen. Dabei hat der Apothekerverband Nordrhein e.V. in seiner Funktion als Spitzenorganisation der selbständigen Apotheker/innen eine ganz besondere Vertrauensposition bei den zu vertretenden Mitgliedern und den Partnern der Apothekerschaft im Gesundheitswesen in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus, der er mit seiner täglichen Arbeit Tag für Tag rechtfertigen muss und will.

Ganz besonders trägt dazu auch die hohe Dienstleistungs- und Serviceorientierung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle in der Tersteegenstraße bei. Ein wichtiges Ziel unseres engagierten Teams dort ist: Sie und Ihre Apothekenteams vom zuneh-menden Bürokratismus im Arzneimittel- und Gesundheitsmarkt zu entlasten und gesuchter Ansprechpartner für unsere Partner im Gesundheitswesen zu sein. Jede Woche erreichen die Geschäftsstelle über 1.000 Anfragen zu Arzneimitteln und Hilfsmitteln. Und in der Clearing-stelle sind es aktuell sogar bis zu 1.600 bearbeitete Vorgänge pro Woche, die dann mit den Krankenkassen abgewickelt werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

mit diesem Geschäftsbericht stellen wir die Aktivitäten des Verbandes im Berichtszeitraum übersichtlich und transparent dar. Er gibt auch einen Überblick über die vielfältigen Heraus-forderungen, denen sich der Verband mit seinen Mitgliedern im Berichtsjahr gestellt sah und zurzeit sieht. Der vorliegende Geschäftsbericht knüpft hinsichtlich wesentlicher Punkte und redaktioneller Inhalte unmittelbar an den Geschäftsbericht 2019/2020 an, dessen Berichtszeitraum bis zum 30.08.2020 reichte.

Mit der Zuversicht, dass wir dem Coronavirus weiter entscheidend wirksame Maßnahmen und Arzneimittel  entgegensetzen können und sich vor allem die Fortschritte beim Impfen erfolgreich weiterentwickeln, wünsche ich Ihnen eine gute Lektüre unseres Geschäftsberichtes.

Bleiben Sie gesund!

Ihr
Thomas Preis
Vorsitzender Apothekerverband Nordrhein e.V.