8. Zukunftskongress öffentliche Apotheke

8. Zukunftskongress öffentliche Apotheke am 13.02.2016 in Bonn: 

  • Apotheker aus Aachen, Düsseldorf, Erftstadt und Köln mit „Zukunftspreis öffentliche Apotheke“ ausgezeichnet
  • Anpassung des Apothekenhonorars eingefordert
  • Kritik an Retaxgebaren einzelner Krankenkassen
  • NRW-Gesundheitsministerin Steffens fordert, Kompetenzen von Apothekerinnen und Apothekern besser zu nutzen
  • Trendforscher gibt Strategieempfehlungen
  • Podiumsdiskussion: Herausforderung – Gesundheitsversorgung vor Ort
  • Wirtschaftliche Entwicklung: Trend zu OHG‘s
  • securPharm: verbindlicher Einführungstermin steht fest

Rund 400 Teilnehmer erlebten am Samstag, 13.02.2016, einen erkenntnisreichen Kongresstag im World Conference Center in Bonn (ehem. Deutscher Bundestag). Im Mittelpunkt standen u.a. die „Preisverleihung des Zukunftspreises öffentliche Apotheke“ unter Beteiligung von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens, ein viel beachteter Vortrag zum Thema „Apotheken der Zukunft – den Wandel gestalten“, eine Podiumsdiskussion zu den Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung vor Ort, aktuelle Informationen zur wirtschaftlichen Entwicklung der öffentlichen Apotheken, zielführende Hinweise für die Umsetzung von „securPharm“ in der Apotheke. Flankiert von einer Partnerausstellung, in denen führende Unternehmen aus Apotheken- und Pharmamarkt zahlreiche innovative Neuheiten präsentierten.

Vier beispielgebende Initiativen von Apothekerinnen und Apothekern aus Aachen, Düsseldorf, Erftstadt und Köln wurden mit dem „Zukunftspreis öffentliche Apotheke“ ausgezeichnet: Im Rahmen der Preisverleihung lobte Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, die Projekte der vier Preisträgerinnen und Preisträger als beispielgebende Initiativen mit Modellcharakter. Die Ministerin hatte die Schirmherrinschaft für die Ausschreibung „Zukunftspreis öffentliche Apotheke“ des Apothekerverbandes Nordrhein e.V. übernommen.


Die Gewinner des „Zukunftspreises öffentliche Apotheke“:

1. Preis: Apotheker Andreas Binninger (Neander-Apotheke, Düsseldorf), für seine Initiative „Gesundheitsblog - Der Apotheker als unabhängiger Gesundheitsexperte im Netz“.

2. Preis: Apothekerin Gabriele Neumann (Karls-Apotheke, Aachen) für die Initiative „Aachener Learning Community zum innovativen IT-Einsatz in der Medikamentenversorgung“.

Aufgrund der Qualität der eingereichten Beiträge hat die Jury den 3. Preis  zweimal vergeben, und zwar an:

 

  • Apothekerin Jutta Doebel (Apotheke im Erftstadtcenter, Erftstadt) für die Initiative „Die Erfstädter Gesundheitstage“ sowie an
  • Apotheker Dirk Vongehr (Paradies-Apotheke, Köln) für seine „multimedial vernetzte Apotheke“.

Videoproträts der Preisträger

  • Die Projekte der Preisträger stellen wir hier jeweils in einem Video vor!

Anpassung des Apothekenhonorars eingefordert – Kritik an Retaxgebaren einzelner Krankenkassen

In seiner Rede ging Thomas Preis, Vorsitzender des AV Nordrhein, zunächst auf die grundsätzliche Verortung der öffentlichen Apotheken im Gesundheitswesen ein. Hier komme es künftig darauf an, die Weichen so zu stellen, dass sich auch bei einer neu gewählten Regierung  die wesentlichen Leitlinien wiederfinden, die jetzt auch im aktuellen Koalitionsvertrag zu finden sind. Dass nämlich auch in Zukunft eine Regierung auf eine Gesundheitsversorgung setzt, die auf freiberufliche und unabhängige – von externen Kapitalinteressen unabhängige – Heilberufe fußt und setzt. Für Apotheken heißt dies konkret die Sicherung des Fremd und Mehrbesitzverbotes, der einheitliche Apothekenabgabepreis und gemeinschaftliche und einheitliche Vertragsbeziehungen zu den Krankenkassen. Anders sei eine flächendeckende, qualitativ hochwertige patientenorientierte Arzneimittelversorgung in unserem Lande auch nicht darstellbar. Einen Schwerpunkt der Rede bildete die Forderung nach einem angemessenen Apothekenhonorar mit einem jährlichen Anpassungsmechanismus. „Was bei anderen Leistungsträgern des Gesundheitswesens, Ärzten oder Krankenhäusern, ein ganz übliches Prozedere ist, muss bei uns Apothekern auch zur Regel werden!“ so Preis. In dem Zusammenhang wies er darauf hin, dass das Apothekenhonorar seit Jahren mit unter drei Prozent an den Gesamtausgaben der Krankenkassen einer der kleinsten Kostenfaktoren sei.

Zudem mahnte Thomas Preis den „mehr als überfälligen“ Anpassungsbedarf bei der BtM-Gebühr und beim Honorar für die Rezepturherstellung an. Aus Berlin gebe es erste Signale, die darauf hindeuteten, dass dies zumindest in diesem Jahr noch auf der gesundheitspoliti-schen Agenda stehe, so Preis.

Als gravierendes und andauerndes Ärgernis kritisierte Preis das Retaxationsgebaren einzelner  Krankenkassen. Sollte auch das Ergebnis des aktuell laufenden Schiedsstellenverfahrens den Apothekern weiterhin große finanzielle Abgaberisiken bescheren, sei ganz eindeutig die Politik gefordert, im Interesse einer reibungslosen Patientenversorgung Schaden von den Apothekern abzuwenden.

Als Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Apotheken hob Preis die Beratung zu der aus der Verschreibungspflicht entlassenen sog. Pille danach hervor. Die Apotheker hätten eindrucksvoll aufgezeigt, wie leistungsfähig das System der heilberuflich geprägten öffentlichen Apotheke sei, sagte Preis und bekam hier später Unterstützung von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens.

NRW-Gesundheitsministerin fordert Bundesregierung auf, Kompetenzen von Apothekerinnen und Apotheker besser zu nutzen

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens zeigte sich vom E-Health-Gesetz zutiefst enttäuscht. Wenn tatsächlich nur die Ärzte für die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und den Medikationsplan zuständig sind, dann sei das Gesetz gescheitert. Es sei falsch, so Steffens, diese Aufgaben den Ärzten allein zu überlassen. Die Kompetenz der Apotheker müsste zwingend eingebunden werden. NRW habe sich dafür mit entsprechenden Bundesratsanträgen eingesetzt. Die anderen Bundesländer hätten sich auch dafür ausgesprochen. Die Bundesregierung habe dies aus ideologischen Gründen jedoch abgelehnt. Nach dem Willen der Ministerin wäre es sinnvoller gewesen, den Patientinnen und Patienten die Entscheidung zu überlassen, ob sie Arzt oder Apotheker als erste Anlaufstelle nutzen möchten.

Ärzte alleine müssten beim Medikationsplan und der Arzneimitteltherapiesicherheit scheitern, wenn sie nicht auf die Kompetenz der Apotheker setzen können. Das gelte ganz besonders für OTC-Arzneimittel, bei denen nur die Apotheker die Übersicht hätten. Die Apotheker sollten die Medikation analysieren und deren Ergebnisse an die Ärzte des Patienten weitergeben. Steffens ließ keinen Zweifel daran, dass die Apotheker für diese Dienstleistung honoriert werden müssen.
 
Darüber hinaus ging Steffens auf die künftige Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung insbesondere im ländlichen Raum ein. Nach ihrer Einschätzung gebe es in den Städten und Ballungsgebieten ausreichend Apotheken, auf dem Land sei die Apothekendichte in manchen Regionen gering. Vor allem dort, wo auch die Zahl der Ärzte zurückgehe, müsste die flächendeckende Arzneimittelversorgung sichergestellt werden. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels hob sie die Bedeutung der öffentlichen Apotheken hervor und stellte klar, dass Versandhandel und Pickup-Stellen für sie keine Alternative darstelle. Arzneimittelversorgung müsse persönlich face-to-face erfolgen, betonte Ministerin Steffens.
Zum Schluss dankte die Ministerin den Apothekerinnen und Apothekern dafür, dass auch durch Kompetenzerweiterungen z.B. durch Schulungen, die „Pille danach“ im letzten Jahr erfolgreich aus der Verschreibungspflicht entlassen werden konnten. Sie wertete dies auch im europäischen Vergleich als längst überfälligen Schritt und habe an der Kompetenz der Apotheker in diesem Zusammenhang nie gezweifelt. Einen weiteren Dank sprach Ministerin Steffens für die schnelle Hilfe in der Flüchtlingsversorgung aus.

Trendforscher gibt Strategieempfehlungen

In einem viel beachteten Vortrag  stellte Trendforscher Michael Carl, Director Analysis & Studies, 2b Ahead Think Tank, Auszüge aus einer Trendstudie zum Thema „Apotheken der Zukunft – den Wandel gestalten“ vor, die im Auftrag des Apothekerverbands Nordrhein entwickelt wurde. Zunächst skizzierte er anschaulich die sich ändernden Rahmenbedingungen in einer zunehmend digitalisierten Welt. Seine Kernbotschaft: Digitalisierung bedeutet Ende von Standards. Vor diesem Hintergrund gab er Apotheken ganz konkrete Strategieempfehlungen mit auf den Weg, um sich in Anbetracht der sich ändernden Rahmenbedingungen entsprechend für die Zukunft aufzustellen. Dazu gehörte u.a. der Rat: „Seien Sie digital sichtbar, investieren Sie mehr in Ihre IT als in Ihre Verkaufsräume.“

Podiumsdiskussion: Herausforderung – Gesundheitsversorgung vor Ort

In der Podiumsdiskussion standen die Themen Flüchtlingsversorgung, Apothekenschließungen, Nachwuchsmangel und eine engere heilberufliche Kooperation insbesondere im Bereich Medikationsmanagement im Mittelpunkt. Prof. Gerd Glaeske, Dr. Peter Potthoff (KV Nordrhein), Dirk Meyer (Patientenbeauftragter Landesregierung NRW) und Thomas Preis (AVNR) lieferten sich unter der Moderationsleitung von Ralph Erdenberger einen konstrukti-ven Schlagabtausch. Dabei bezog Moderator Ralph Erdenberger das Auditorium aktiv mit ein. So schilderte u.a. ein syrischer Apotheker, der kriegsbedingt seine Apotheke in Damaskus aufgeben musste, seine ersten Erfahrungen als Pharmazeut in einer Deutschen Apotheke. Als eine zentrale Herausforderung kristallisierte sich in der Podiumsdiskussion der Nachwuchsmangel heraus, von denen der Hausärztebereich genauso betroffen ist wie die öffentlichen Apotheken. Prof. Gerd Glaeske, der für seine kritischen Bewertungen als TV-Experte bekannt ist, stellte einige Positionen klar: Zum Beispiel, dass er Rabattverträge genauso wie seine Apothekerkollegen kritisch sehen würde und darauf auch immer schon hingewiesen habe; allein die dauerhafte Umstellung der Patienten auf andere Präparate sei aus pharmazeutischer Sicht bedenklich. Das Retaxgebaren einzelner Krankenkassen bezeichnete er sogar wörtlich als „Sauerei“. Genauso wie es NRW-Gesundheitsministerin Steffens in ihrem Grußwort bereits deutlich gemacht hatte, kritisierte er das E-Health-Gesetz der Bundesregierung hinsichtlich der mangelnden Berücksichtigung der Apotheker. Die Gründe, warum die pharmazeutische Kompetenz nicht eingebunden worden sei, könne er nicht nachvollziehen, so Glaeske.

Wirtschaftliche Entwicklung der öffentlichen Apotheken: Immer mehr OHG’s

Dr. Eckart Bauer Leiter der Abteilung Wirtschaft und Soziales bei der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände berichtete in seinem Vortrag zur „Wirtschaftlichen Entwicklung der öffentlichen Apotheken in Deutschland“ u.a. über ein neues Phänomen: In Deutschland werden immer mehr Apotheken als offene Handelsgesellschaften (OHG) betrieben. Waren es im Jahr 2004 noch rund 380 in dieser Rechtsform geführte Apotheken, erhöhte sich deren Zahl im Jahr 2014 auf rund 640. Die OHG als Rechtsform ermögliche es Apothekern, eine Offizin gemeinschaftlich mit mehreren Gesellschaftern zu führen.
 
Darüber hinaus zeigte er u.a. die aktuelle betriebswirtschaftliche Situation der öffentlichen Apotheken auf, ging auf die Rahmenbedingungen und weitere Trends im Gesundheitswesen ein. In seinem Ausblick machte er deutlich, warum die öffentliche Apotheke auch künftig als vertrauenswürdige Bezugsquelle von Arzneimitteln und als kompetente, niederschwellige Anlaufstation für Fragen rund um das Thema Medikation dringend gebraucht wird. Daher sei es umso wichtiger, künftig den Mehrwert der öffentlichen Apotheken für die Gesellschaft noch deutlicher herauszuarbeiten und die Rolle als Heilberufler mit Arzt und Patient auf Au-genhöhe zu stärken - insbesondere auch wirtschaftlich. Daher fordere man von der Politik insbesondere die regelmäßige Überprüfung des Festzuschlags (8,35 €), die Gewährung eines Festzuschlages auch bei Rezepturen (Beratung), die Erhöhung der Dokumentationsgebühr und eine Erhöhung des Nacht- und Notdienst-Zuschlags.

securPharm: Verbindlicher Einführungstermin steht fest

Der Vortrag von Dr. Reinhard Hoferichter, Sprecher des Lenkungsausschusses securPharm e.V. zum Thema „Arzneimittelfälschungen in der Apotheke sicher abwehren – Statusbericht und Ausblick“ hatte durch die Veröffentlichung der Delegierten Verordnung zur Fälschungsrichtlinie im Amtsblatt der Europäischen Union kurz vor dem 8. Zukunftskongress öffentliche Apotheke am 09.02.2016 eine besondere Aktualität erhalten. Denn nunmehr steht fest, dass ab dem 09.02.2019 nur noch Rx-Packungen mit Data-Matrix-Code abgegeben werden dürfen. Damit, betonte Hoferichter in seinem Vortrag, bleibe die Apotheke der sicherste Ort, um Arzneimittel zu beziehen. Er erklärte anschaulich, wie das System funktioniert und wies darauf hin, dass das Ziel darin bestehe, jedes Rx-Arzneimittel in jeder Apotheke in Europa zu verifizieren. Besonders deutlich betonte er, dass der Aufwand für die Apotheke, dieses System umzusetzen, sehr gering sei. Es bedürfe lediglich zwei Klicks, um sicherzustellen, ob es sich um eine Fälschung handele oder nicht. Auch hinsichtlich des finanziellen Aufwands gab er Entwarnung – die Hauptlast trage hier eindeutig die Pharmaindustrie. Abschließend wies er darauf hin, dass derzeit 400 Apotheken, fünf Softwarehäuser und ein Großhändler mit 21 Niederlassungen das System testen würden. Da der verbindliche Einführungstermin nunmehr feststehe, ist es wichtig, dass sich noch weitere Apotheken dem Projekt anschließen.

Fazit

Werner Heuking (AVNR) zog am Ende des Kongresstages ein sehr positives Gesamtfazit. Auch unter Verweis auf die hochkarätigen Vorträge, Diskussionen und die vorgestellten Innovationen auf Partnerausstellung machte er deutlich: Als Apotheker in einem komplexen Handlungs- und Wettbewerbsumfeld sei es wichtig, immer wieder den Blick für die Realität, Gefahren und sich bietende Chancen und Handlungsoptionen zu schärfen. In einer zunehmend digitalisierten Welt komme es darauf an, im Dschungel der Zukunft mit Zuwendung, Empathie und Achtung vor der Person des Anderen, die Fallen des Big-Data zu entlarven und Zukunftschancen zu erkennen. Der Kongresstag habe dafür, so Heuking, eine Fülle an Anregungen geliefert.

Die Vorträge des 8. Zukunftskongresses öffentliche Apotheker stehen exklusiv im Mitgliederbereich unserer Internetseite zur Verfügung!

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Rückblick 7. Zukunftskongress öffentliche Apotheke 2015