9. Zukunftskongress öffentliche Apotheke

9. Zukunftskongress öffentliche Apotheke am 11.02.2017

  • Rx-Versandverbot: Deutlicher Appell an SPD-Bundestagsfraktion
  • NRW-Gesundheitsministerin Steffens: Plädoyer für die Apotheke vor Ort und gegen den Rx-Versandhandel
  • Podiumsdiskussion: Klare Mehrheit für Rx-Versandverbot und einstimmiges Bekenntnis zum Freien Heilberuf Apotheker
  • Zukunftsthema Medikationsplan: Erheblicher Verbesserungsbedarf bei der Umsetzung
  • Erstmalige Preisverleihung „Nachwuchspreis öffentliche Apotheke“ – Videoportraits über Projekte und Preisträger auf Youtube
  • Positives Gesamtfazit
  • Ausblick: 10. Zukunftskongress öffentliche Apotheke am 17.02.2018

Rund 400 Besucher erlebten am Samstag, den 11.02.2017, in Bonn einen hochkarätigen Kongresstag mit einzigartigen Programmpunkten und Referenten. Der Zukunftskongress war wiederum ein sehr gut frequentierter Branchentreff mit Marktpartnern, prominenten Gästen und Partnern aus dem Gesundheitswesen. Die begleitende Fachmesse präsentierte exklusive Neuheiten aus dem Apothekenmarkt mit Live-Anwendungen vor Ort. Der Apothekerverband Nordrhein hat den Zukunftskongress genutzt, um ein starkes Signal für ein Rx-Versandverbot zu senden und grundlegende Forderungen des Berufsstandes mit Blick auf die Landtagswahlen in NRW am 14. Mai und die Bundestagswahl am 24. September zu adressieren. An oberster Stelle stand dabei ein klares Bekenntnis zum Freien Heilberuf und eine nachhaltige Steigerung der Grundhonorierung.

Rx-Versandverbot: Deutlicher Appell an SPD-Bundestagsfraktion

Da die SPD-Bundestagsfraktion sich bisher immer noch nicht zum vorliegenden Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums für ein Rx-Versandverbot positioniert hat, machte Thomas Preis, Vorsitzender des AV Nordrhein, bereits in seiner Begrüßungsrede deutlich: „Wir appellieren deshalb sehr deutlich an die SPD-Parlamentarier in Berlin, sich der klaren Position der NRW-Landesregierung, des NRW-Gesundheitsministeriums und der NRW-SPD im Landtag anzuschließen. Es ist jetzt wichtiger denn je, den massiven Werbefeldzügen ausländischer Versandhändler ein Ende zu setzen. Weiteres Zuwarten führt unweigerlich zur Zerschlagung unseres funktionierenden Arzneimittelversorgungssystems mit gesetzlich vorgeschriebenen Gemeinwohlverpflichtungen wie Nacht- und Notdienst und uneingeschränkter Kontrahierungsverpflichtung zu Lasten der Schwächsten unserer Gesellschaft - den Alten und Kranken.“

In diesem Zusammenhang stellte Preis klar, dass Versandunternehmen, die sich mit dem Versand von Arzneimitteln beschäftigen, rein renditeorientiert mit Arzneimitteln handelten, während die Apotheken vor Ort die Menschen mit Arzneimitteln gleichzeitig mit einer patientenorientierten persönlichen Beratung versorgten. Er verwies hier auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, die dies vor einiger Zeit in einem Interview wie folgt auf den Punkt gebracht habe: „Ein individuelles Gespräch zwischen Apotheker und Kunde ist doch ein gewaltiger Unterschied zu der Situation, wo ich ein Päckchen zugesandt bekomme und alleine zu Hause auspacke.“

Im Hinblick auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 14. Mai nahm Thomas Preis Bezug auf ein im Herbst des letzten Jahres verfasstes Positionspapier aller vier Apothekerorganisationen in NRW, das man den Parteivorsitzenden der Parteien im Landtag NRW gesendet habe. Die wesentlichen Forderungen würden übrigens auch für den jetzt beginnenden Bundestagswahlkampf gelten. Dazu zählen insbesondere:

  • Ein klares Bekenntnis zur Freiberuflichkeit im Gesundheitswesen in unserem Lande; wie bei der aktuellen großen Koalition auf Bundesebene erwarte man auch von einer neuen Landesregierung in NRW ein klares Bekenntnis zur Freiberuflichkeit (im Gesundheitswesen).
  • Die Verbesserung von Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) durch Einsatz des apothekerlichen Sachverstandes. Die Arzneimittelsicherheit sei durch die hohe Qualität der Arzneimittel gewährleistet, aber immer öfter würden sie aber nicht richtig angewendet.
  • Die Patientenorientierung und Versorgungsqualität im Gesundheitssystem müsse gesichert werden. Die zunehmende Tendenz der Abkehr von einheitlichen und gemeinschaftlichen Verträgen hin zu Selektivverträgen zerstöre den Solidarcharakter unseres Gesundheitswesens.

NRW-Gesundheitsministerin Steffens:
Plädoyer für die Apotheke vor Ort und gegen den Rx-Versandhandel

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens hat in ihrem gesundheitspolitischen Statement erneut betont, dass sie die Apotheke vor Ort aus Überzeugung für äußerst wichtig halte. Nur dort werde eine Versorgung mit Arzneimitteln täglich vorgehalten. Daher appellierte sie an die Apotheker: „Wir brauchen Sie!“ Allerdings forderte sie die Apothekerinnen und Apotheker auf, Lieferdienste nach Hause zu verbessern, beispielsweise bei chronisch Kranken. Dabei machte sie deutlich, dies könnten nur Apotheken vor Ort leisten. Modellen aus der Rubrik „Apotheker im Wohnmobil“ oder „Apotheken auf Rädern“ erteilte sie eine klare Absage.

Ebenso eindeutig sprach sich Ministerin Steffens für ein Rx-Versandverbot aus. Dabei machte sie deutlich, dass Versandhandel auch nichts mit Zeitgeist zu tun habe, wie viele meinen. Dies sei ein Pseudozeitgeist. Menschliche Zuwendung, eine Face-to-Face-Beratung sei durch nichts zu ersetzen. Insbesondere ältere Menschen brauchen die Beratung. Kein Versandhandel der Welt könne so beraten, wie es in der Apotheke vor Ort stattfinde. Kritisch bewertete Steffens Verbraucherschützer, die mit Blick auf das EuGH-Urteil beim Versandhandel vor allem Einsparmöglichkeiten sehen. Eine solche Sichtweise passe nahtlos in eine Reihe zu „Geiz ist geil“, wo Geld, wo materielle Ressourcen über Lebensqualität gestellt würden. Deswegen sei es wichtig, den Diskurs fachlich zu führen. Der Preis könne natürlich eine Rolle spielen, aber wer etwas für Verbraucher tun wolle, sollte bereits vorhandene Stellschrauben im Gesundheitswesen nutzen, die für Entlastung bei Verbrauchern sorgen, wie z. B. Mehrwertsteuer oder Zuzahlung, so die Ministerin.

Keynote-Vortrag von Vince Ebert sorgt für Begeisterung

Für große Begeisterung sorgte der Keynote-Vortrag von Vince Ebert zum Thema „Zufällig erfolgreich: Warum die Welt nicht berechenbar ist und wie wir das nutzen können“. Der Dipl.-Physiker, Kabarettist und Autor präsentierte ein rhetorisches Feuerwerk an tiefsinnigen Beispielen aus Medizin, Wissenschaft und Gesellschaft gepaart mit viel Humor – auch verbunden mit der Botschaft, sich nicht von Digitalisierung und Big Data beirren zu lassen. Denn schließlich könnten Zahlen, Daten und Algorithmen niemals eine menschliche Beratungsleistung, so wie sie insbesondere Apothekerinnen und Apotheker leisteten, ersetzen.

Er forderte das Publikum auf, offener mit Herausforderungen umzugehen, nicht nur Risiken zu sehen, sondern stattdessen mehr Vielfalt, Kreativität und Flexibilität walten zu lassen. In diesem Sinne mehr der eigenen Fantasie zu vertrauen und auch mal dem Zufall eine Chance geben.

Podiumsdiskussion: Klare Mehrheit für Rx-Versandverbot und einstimmiges Bekenntnis zum Freien Heilberuf Apotheker

In der gesundheitspolitischen Podiumsdiskussion haben sich die gesundheitspolitischen Spit-zenvertreter der Landtagsfraktionen CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen für ein Rx-Versandverbot in Form der vom Bundesgesundheitsministerium vorgelegten Gesetzesinitiative ausgesprochen. Während die FDP NRW an dieser Stelle eine andere Haltung einnimmt und den Gesetzentwurf so nicht unterstützen kann. In punkto Unterstützung „Freiberuflichkeit im Gesundheitswesen“ gab es hingegen keinen Dissens, sondern ein klares Bekenntnis aller Parteien.

In der Podiumsdiskussion wurden darüber hinaus auch die schwierigen bürokratischen Rahmenbedingungen im Apothekenalltag angesprochen. Hierzu boten alle Parteivertreter einen weiterführenden Dialog an, auch dahingehend, die Attraktivität des Berufes vor diesem Hintergrund zu steigern. Stellvertretend für den Berufsstand forderte Thomas Preis in der Podiumsdiskussion eine nachhaltige Steigerung der Grundhonorierung, die über Jahre hinweg nicht angepasst worden sei.

Zukunftsthema Medikationsplan: Erheblicher Verbesserungsbedarf bei der Umsetzung

Probleme in der Arzneimitteltherapie durch Polymedikation und mangelnde Therapietreue sind hinlänglich bekannt – was noch nicht bekannt genug ist, sind die immensen Einsparpotenziale, die sich dahinter verbergen. Prof. Dr. Martin Schulz (Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker, AMK) bezifferte diese in seinem Fachvortrag allein im Bereich der vermeidbaren Medikationsfehler auf rund 1 Mrd. Euro.

Ein Instrument, um diesem Problem entgegenzuwirken, bildet der im Zuge des E-Health-Gesetzes zum 01.10.2016 bundesweit eingeführte Medikationsplan. So wie er allerdings jetzt im ersten Schritt umgesetzt wird – nämlich ohne aktive Einbindung der pharmazeutischen Kompetenz der Apotheker – besteht noch erheblicher Verbesserungsbedarf. In dem Zusammenhang verwies Prof. Schulz auch auf eine Patientenbefragung, aus der hervorgehe, dass nur 37 Prozent den Medikationsplan überhaupt verstehen. Gerade deshalb müssten die fachlichen Kompetenzen von Arzt und Apotheker zum Einsatz kommen - insbesondere mit Blick auf die für 2018 geplante Einführung des elektronischen Medikationsplanes. Dabei komme dem optimierten Austausch der beiden Heilberufe eine zentrale Bedeutung zu. In der praktischen Umsetzung müsse der Zugriff auf den Medikationsplan über die Primärsoftware erfolgen, alles andere sei nicht praktikabel. Dass dies funktioniere, zeige das Modellprojekt ARMIN. Beispielgebend seien hier auch die klar geregelten Zuständigkeiten und eine faire, für beide Berufsgruppen gleiche Honorierung.  

Erstmalige Preisverleihung Nachwuchspreis öffentliche Apotheke: Vier ausgezeichnete Projekte und Preisträger

Der syrische Apotheker Farid Dawd wurde für seine Initiative „Erfahrungsgruppe für Syrische Apotheker“ mit dem „Nachwuchspreis öffentliche Apotheke“ ausgezeichnet. Darüber hinaus haben drei weitere Projekte die Auszeichnung erhalten. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens übergab die Preise und lobte das Engagement der Preisträger.

Die Gewinner des „Nachwuchspreises öffentliche Apotheke“:

  • 1. Preis: Farid Dawd, Apotheker aus Syrien, zurzeit Apotheker im Praktikum in einer Apotheke in Bornheim, für seine Initiative „Initiierung einer Erfahrungsgruppe für syrische Apotheker vor Ort“.
  • 2. Preis: Julia Lanzenrath, Pharmaziestudentin, Uni Bonn, für ihre Initiative „Blutspendemara-thon „Vampire Cup“.

Aufgrund der Qualität der eingereichten Beiträge hat die Jury den
3. Preis zweimal vergeben, und zwar an:

  • Maira Anna Deters, Doktorandin im Fach Pharmazie, Uni Düsseldorf, für das Projekt „Suba-nalyse der DIADEMA-Studiendaten“.
  • Anita Petric, Pharmazeutin im Praktikum, Uni Bonn, für das Projekt „Nothilfe-Einsatz von Apotheker ohne Grenze e.V. Haiti 2016“.

 

Videoportraits auf Youtube

Der Apothekerverband Nordrhein hat für die Videobeiträge der ausgezeichneten Projekte und Preisträger einen eigenen Youtube Channel eingerichtet.

Positives Gesamtfazit 

Doris Schönwald, stv. Vorsitzende des AV Nordrhein, zog am Ende des Kongresstages ein durchweg positives Fazit. Sie bekräftigte nochmals die im Kongressablauf immer wieder aktiv eingebrachten gesundheitspolitischen Positionen des Verbandes.

Ziel müsse sein, dass diese auch Einzug finden bei den gesundheitspolitischen Weichenstellungen und beim politischen Handeln einer neuen Landesregierung in NRW nach dem Wahltag am 14. Mai. Darüber hinaus werde man in den nächsten Monaten bis zur Bundestagswahl nicht nachlassen, sich für diese Positionen und Forderungen auch auf Bundesebene einzusetzen. Auch eine kommende Bundesregierung müsse an den grundlegenden und bewährten Strukturen des Gesundheitswesens festhalten und bei der unabhängigen Arzneimittelversorgung durch öffentliche Apotheken auf den freien Heilberuf Apotheker und unsere inhabergeführten Apotheken setzen. Eine eindeutige Positionierung sei dabei von grundsätzlicher Bedeutung - nicht nur für den Berufstand, sondern besonders für die zu versorgenden Menschen, betonte Schönwald.

Ausblick: 10. Zukunftskongress öffentliche Apotheke am 17.02.2018

Der Termin für den 10. Zukunftskongress öffentliche Apotheke steht schon heute fest: Samstag, 17.02.2018. Veranstaltungsort wird erneut das World Conference Center in Bonn sein.

Rückblick 8. Zukunftskongress öffentliche Apotheke 2016